Wer heute über die Leopoldstraße bummelt, am Englischen Garten vorbei und in die kleinen Straßen rund um die Münchner Freiheit, der läuft durch ein Viertel, das einmal ein eigenes Dorf war. Älter als München selbst, gegründet von einem Schwaben, später Heimat von Malern, Dichtern und Revolutionären.
Schwabing ist der seltene Fall eines Stadtteils, dessen Name zu einem Lebensgefühl wurde. Diese Chronik führt von der ersten Erwähnung im Jahr 782 über die wilde Bohème um 1900 bis zum begehrten und teuren Wohnviertel von heute.
- 782: Suuapinga, die Siedlung eines Schwaben
- Um 1200: Dorfkirche und kleine Hofmark
- Bis ins 18. Jahrhundert: Ein Dorf der Fischer und Milchbauern
- 1886 und 1890: Erst eigene Stadt, dann Münchner Stadtteil
- Um 1900: Die Bohème und der Blaue Reiter
- 1919: Räterepublik und die Zwischenkriegszeit
- 1933 bis 1945: NS-Zeit, Umbenennung und Widerstand
- 1946: Die Münchner Freiheit
- 1962: Die Schwabinger Krawalle
- Ab 1980: Vom Lebensgefühl zum begehrten Wohnviertel
- Quellen
782: Suuapinga, die Siedlung eines Schwaben
Die Geschichte Schwabings beginnt mit einem Namen auf Pergament. Im Jahr 782 taucht der Ort erstmals in den Überlieferungsnotizen des Hochstifts Freising auf, geschrieben als "Suuapinga".1 Der Name geht auf einen Mann namens Swapo zurück und bedeutet so viel wie Siedlung eines Schwaben. Diese frühe Erwähnung macht Schwabing deutlich älter als München, das erst 1158 urkundlich greifbar wird.
Die Freisinger Traditionsnotizen, in denen Schwabing erscheint, gehören zu einer Sammlung von Schenkungsurkunden, die seit 744 als Pergamentstreifen zusammengetragen und um 824 sorgfältig in einen Codex übertragen wurden.2 Aus diesem Schriftgut stammt das gesicherte Geburtsjahr des Ortes.
Älter als München
Schwabing ist 782 erstmals belegt, fast vier Jahrhunderte vor der Stadt München, die 1158 mit dem Marktprivileg Heinrichs des Löwen in die Geschichte eintrat. Den Stolz auf dieses Alter pflegt das Viertel bis heute. Mehr zu den heutigen Vierteln liest du in unserer Übersicht zu den Stadtteilen rund um Schwabing.
Um 1200: Dorfkirche und kleine Hofmark
Seit dem frühen Mittelalter war Schwabing ein Dorf aus wenigen Höfen, dazu eine kleine Burg als Sitz der Grundherren. Diese nannten sich nach ihrem Ort "de Suabingen".3 Schwabing war damit über Jahrhunderte eine Hofmark, ein kleines Herrschaftsgebiet am Rand der wachsenden Residenzstadt.
Sichtbares Zeugnis dieser Zeit ist die alte Dorfkirche St. Sylvester im heutigen Alt-Schwabing, nahe dem Englischen Garten. Die ältesten Teile des Baus, die unteren Geschosse des Turms, reichen bis etwa um das Jahr 1200 zurück.4 Bis 1920 trug die Pfarrei den Namen St. Ursula. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde die große Pfarrei geteilt, und östlich der Leopoldstraße entstand am 1. Juli 1920 die Kuratie St. Sylvester.5
Bis ins 18. Jahrhundert: Ein Dorf der Fischer und Milchbauern
Lange blieb Schwabing klein und ländlich. Bis ins 18. Jahrhundert lebten hier vor allem Fischer und Milchbauern, die den nahen Markt der Residenzstadt belieferten.6 Die Lage an der Ausfallstraße nach Norden und die Nähe zu München sicherten dem Dorf ein bescheidenes, aber stetiges Auskommen.
Erst mit dem Wachstum Münchens im 19. Jahrhundert änderte sich das Tempo. Die Gründung der Ludwig-Maximilians-Universität in der benachbarten Stadt 1826 und der Königlichen Akademie der Bildenden Künste zogen Studenten und junge Künstler in den Norden. Schwabing lag plötzlich nicht mehr am Rand, sondern am Puls.
1886 und 1890: Erst eigene Stadt, dann Münchner Stadtteil
Das Bevölkerungswachstum war atemberaubend. 1861 zählte das Dorf noch 1.974 Einwohner. 1890, nur 29 Jahre später, lebten in Schwabing bereits 11.589 Menschen auf einer Fläche von rund 1.195 Hektar.7
Am 29. Dezember 1886 wurde Schwabing zur kreisunmittelbaren Stadt erhoben, mit Wirkung zum 1. Januar 1887.8 Die Eigenständigkeit währte allerdings nur kurz. Schon 1864 hatte München zum ersten Mal angefragt, ob das Dorf sich eingemeinden lassen wolle, was die Schwabinger damals mehrheitlich ablehnten.9
Doch der Druck der wachsenden Großstadt war stärker als der Eigensinn. Am 20. November 1890 wurde Schwabing nach München eingemeindet.10 Aus der jüngsten Stadt Bayerns wurde so binnen weniger Jahre ein Münchner Stadtteil. Wie sich die Einwohnerzahlen seither entwickelt haben, zeigt unser Überblick zu den Einwohnern Schwabings.
Um 1900: Die Bohème und der Blaue Reiter
Es folgte das Jahrzehnt, das Schwabing weltberühmt machte. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert wurde der Stadtteil zum kreativsten Viertel Deutschlands und, nach Paris, zu einem der wichtigsten Künstlerquartiere Europas.11 Was Montmartre für Paris war, war Schwabing für München.
Hier lebten und arbeiteten Maler wie Wassily Kandinsky, Franz Marc, Gabriele Münter, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin und Paul Klee. Kandinsky und Münter wohnten in der Ainmillerstraße. 1911 gründeten Kandinsky und Marc in Schwabing die Künstlervereinigung "Der Blaue Reiter", einen der wichtigsten Aufbrüche der modernen Malerei.12
Auch die Literatur war zu Hause: Thomas und Heinrich Mann, Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke und die Gräfin Franziska zu Reventlow, die als "Schwabinger Gräfin" zur Legende wurde. 1896 erschienen in München die satirische Zeitschrift "Simplicissimus" und das Kunstblatt "Jugend", das einer ganzen Stilrichtung den Namen gab: dem Jugendstil.13
Treffpunkte der Bohème
Die Künstler trafen sich in legendären Lokalen wie dem Café Stefanie, von Spöttern "Café Größenwahn" genannt, und in der Simplicissimus-Künstlerkneipe in der Türkenstraße. Die Tradition des Sitzens, Redens und Zeichnens lebt in den heutigen Cafés in Schwabing bis heute weiter.
1919: Räterepublik und die Zwischenkriegszeit
Die politische Unruhe der Zeit ging an Schwabing nicht vorbei. In den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg waren 1919 Revolutionäre der bayerischen Räterepublik im Viertel aktiv, darunter der Anarchist und Dichter Erich Mühsam und der Schriftsteller Ret Marut, der später als B. Traven weltberühmt wurde.14
In den 1920er Jahren blieb Schwabing ein Magnet für Künstler und Intellektuelle, auch wenn die große Bohème-Zeit ihren Höhepunkt überschritten hatte. Das Viertel war dicht bebaut mit gründerzeitlichem Altbau, dessen Charme bis heute den Wert der Wohnungen prägt, wie unser Mietspiegel für Schwabing zeigt.
1933 bis 1945: NS-Zeit, Umbenennung und Widerstand
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete das freie geistige Klima abrupt. Viele Künstler und Schriftsteller wurden vertrieben, verfolgt oder ermordet, ihre Werke als "entartet" diffamiert. Auch Schwabing geriet in den Sog der Gleichschaltung. Den zentralen Platz des Viertels, den Feilitzschplatz, benannten die Nationalsozialisten 1933 in "Danziger Freiheit" um, als Ausdruck der Forderung nach Rückgabe der Stadt Danzig.15
Doch das Viertel war auch ein Ort des Widerstands. In den letzten Kriegstagen rief Ende April 1945 die Freiheitsaktion Bayern zum Aufstand gegen die verbliebenen NS-Einheiten und zur Kapitulation vor den anrückenden amerikanischen Truppen auf.16 Der Versuch wurde blutig niedergeschlagen, blieb aber als mutiges Aufbegehren in Erinnerung.
1946: Die Münchner Freiheit
Nach dem Krieg hieß der Platz zunächst wieder Feilitzschplatz. Doch die Stadt wollte ein Zeichen setzen. Mit Stadtratsbeschluss vom 3. Dezember 1946 erhielt der Platz den Namen "Münchner Freiheit", zum Gedenken an die Freiheitsaktion Bayern und ihre Aktivisten.17
Der Name wurde zum Markenzeichen. Die Münchner Freiheit ist heute Verkehrsknoten, U-Bahnhof und vor allem das pulsierende Herz Schwabings, der Treffpunkt schlechthin im Viertel. Wer die wichtigsten Orte des Stadtteils sucht, findet sie in unserer Liste der Sehenswürdigkeiten in Schwabing.
1962: Die Schwabinger Krawalle
Es ist eines der bekanntesten Kapitel der jüngeren Geschichte. Im Juni 1962 eskalierte ein Polizeieinsatz gegen Straßenmusiker an der Ecke Leopoldstraße und Martiusstraße. In der Nacht zum 21. Juni 1962 kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizei, die sich über mehrere Tage hinzogen, die sogenannten Schwabinger Krawalle.18
Aus dem Streit um fünf Gitarrenspieler wurde ein tagelanger Aufstand der Jugend.
Die Krawalle gelten als ein Vorläufer der Studentenbewegung von 1968 und machten Schwabing bundesweit zum Symbol für jugendlichen Protest. Sie führten in den folgenden Jahren auch zu einer Reform der Münchner Polizei und ihres Umgangs mit Demonstrationen.19
Ab 1980: Vom Lebensgefühl zum begehrten Wohnviertel
In den Jahrzehnten nach den Krawallen wandelte sich Schwabing erneut. Die wilde Bohème wich nach und nach steigenden Mieten und Kommerz, das Nachtleben rund um die Leopoldstraße wurde zum Aushängeschild, doch die Künstlerszene zog weiter in günstigere Viertel.20
Seit den 1980er Jahren lief in München die Gentrifizierung zunächst vor allem in Schwabing, Haidhausen, dem Lehel und dem Gärtnerplatzviertel ab.21 Der gründerzeitliche Altbau-Charme, die Leopoldstraße und die direkte Nähe zum Englischen Garten machten Schwabing zu einer der begehrtesten und teuersten Wohnlagen der Stadt. Was das für den Alltag bedeutet, zeigen unsere Lebenshaltungskosten in Schwabing.
Im Zuge der Münchner Bezirksreform von 1996 wurde der Stadtbezirk Schwabing-West deutlich vergrößert, unter anderem um Teile des Luitpoldparks und des südöstlichen Oberwiesenfelds.22 Heute teilt sich das historische Schwabing verwaltungsmäßig auf den Stadtbezirk Schwabing-West und den Stadtbezirk Schwabing-Freimann auf.
Was bleibt, ist der Name als Versprechen. Vom Dorf eines Schwaben über die Bohème des Blauen Reiters bis zum Altbauquartier von heute: Schwabing ist immer mehr gewesen als ein Ort auf der Karte. Es ist eine Idee davon, wie Stadt sich anfühlen kann.